Digitalisierung für eine nachhaltige Welt?

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  • 2019•04•11     Berlin

    Berlin, 11. April 2019 – Die Welt ist mit einer beispiellosen Anzahl von Krisen konfrontiert, darunter Klimawandel, Nahrungsmittelknappheit, eine Rekordzahl von Menschen auf der Flucht, politische Instabilität und zunehmende Ungleichheiten. Gleichzeitig schreitet der technologische Wandel, oft Digitalisierung genannt, immer weiter voran und beeinflusst nachhaltig das menschliche Leben. Überraschend wenig wird jedoch bisher darüber nachgedacht, wie Digitalisierung dazu beitragen kann, die größten Herausforderungen der Menschheit zu lösen.

    Das neue Gutachten “Unsere gemeinsame digitale Zukunft” des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), dessen Co-Vorsitzender der Direktor des Institutes für Umwelt und menschliche Sicherheit der Universität der Vereinten Nationen (UNU-EHS) Prof. Messner ist, schließt diese Lücke und regt eine Diskussion über die digitale Nachhaltigkeitsgesellschaft an. Basierend auf der Annahme, dass die Digitalisierung neue soziale und wirtschaftliche Realitäten schaffen wird, empfiehlt Prof. Messner der Weltgemeinschaft, eine globale Agenda zur Digitalisierung zu entwickeln.

    “Die 27 Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs), denen sich die Weltgemeinschaft verpflichtet hat, erwähnen Digitalisierung kaum. Unsere Forschungsergebnisse zeigen jedoch deutlich, dass Digitalisierung alle Dimensionen nachhaltiger Entwicklung bereits massiv verändert und zukünftig durch Digitalisierung eine neue Gesellschaftsformation entstehen wird. Wir müssen diesen Prozess dringend politisch gestalten, damit die Digitalisierung uns mehr und nicht weniger nachhaltig macht“, sagte Prof. Messner, Co-Vorsitzender des WBGU und Direktor von UNU-EHS.

    Wenn Digitalisierung aktiv gestaltet wird, bietet sie beispiellose Möglichkeiten, das menschliche Leben zu verbessern, schlussfolgert der Bericht. Neue Technologien haben das enormes Potential, Menschen überall auf der Welt Zugang zu wichtigen Bereichen wie Gesundheitsversorgung und Bildung zu ermöglichen. Gleichzeitig können wichtige Informationen zum Energiesektor und Umweltschutz weltweit verfügbar gemacht werden, was wiederum dem Umweltschutz zu Gute kommt.

    Konkrete Beispiele, die im Bericht genannt werden, sind die Förderung der Energiewende durch intelligente Energienetze, die Verringerung des Verkehrs in Städten durch neue Formen der Mobilität, oder auch die Nutzung digitaler Technologien, um endlich und rasch umfassende Kreislaufwirtschaft umzusetzen. Die Digitalisierung kann den Agrarsektor verändern, da künstliche Intelligenz die effizienteste und ressourcenschonendste Art des Pflanzenbaus ermitteln kann. Virtuelle Räume können Kommunikation, Vernetzung und gemeinsames Lernen zwischen Menschen auf der ganzen Welt ermöglichen, wodurch emissionsintensive Flugreisen reduziert und die Grundlage für eine globale Kultur der Zusammenarbeit geschaffen werden.

    Die Forschungsergebnisse von Prof. Messner und seinen Kollegen zeigen aber auch deutlich, welche Risiken mit der Digitalisierung verbunden sein können. Ohne kreatives politisches Handeln wird der digitale Wandel den Ressourcen- und Energieverbrauch weiter beschleunigen und die Schäden für Umwelt und Klima verschärfen.

    Wenn es keine ethischen und normativen Leitlinien gibt, kann die Digitalisierung auch zu einer ernsthaften Bedrohung für Demokratie und Menschenrechte werden, warnen Messner und sein Team, insbesondere, wenn Digitalisierung auf autoritäre Regierungen trifft. Big Data und künstliche Intelligenz werden dann verwendet, um Menschen in einem beispiellosen Ausmaß zu überwachen, und die gesammelten Daten werden verwendet, um das menschliche Verhalten vorherzusagen und zu beeinflussen. Dies zeigt sich bereits in China “aber nicht nur dort” wo neue Technologien genutzt werden, um die Bürger immer genauer zu überwachen.

    “Es ist daher die dringende politische Aufgabe, Voraussetzungen zu schaffen, die Digitalisierung in den Dienst der nachhaltigen Entwicklung zu stellen“, so Messner. “Darüber hinaus müssen bereits heute Vorkehrungen getroffen werden, um die tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen zu begleiten, die mittelfristig mit der Digitalisierung einhergehen werden.”

    Beispiele dafür sind der absehbare radikale Strukturwandel auf den Arbeitsmärkten, die Verschränkung von realen und virtuellen Räumen, die menschliches Verhalten, Wirtschaft und Gesellschaft verändern werden, die vielfältigen Auswirkungen von künstlicher Intelligenz auf Bildung, Wissenschaft und Demokratie und die Herausforderung, das Überwachungspotenzial neuer Technologien demokratisch zu begrenzen. Alle diese Prozesse müssen demokratisch gestaltet werden.

    „Für diese grundlegenden Veränderungen, die unser Verständnis von “Menschsein” in Frage stellen, brauchen wir dringend normative Leitlinien“, so Prof. Messner. Das neu veröffentlichte WBGU Gutachten unterstreicht eines deutlich: Die Digitalisierung wird neue soziale und wirtschaftliche Realitäten schaffen. Dies wird nicht automatisch zu einer besseren Welt führen, sondern Digitalisierung muss aktiv auf das Gemeinwohl und die Transformation zur nachhaltigen Gesellschaft ausgerichtet werden.

    “Kurz gesagt, die Digitalisierung zu zähmen, sie zu nutzen und zu gestalten, ist die größte Herausforderung des 21. Jahrhunderts. Es geht um nichts Geringeres, als eine digitale Nachhaltigkeitsgesellschaft zu gestalten, die eine Transformation zu Nachhaltigkeit mit fairem Wohlstand für eine Weltbevölkerung von bald zehn Milliarden Menschen möglich machen wird“, sagte Prof. Messner.

    Medienkontakte

    Janine Kandel, UNU-EHS Head of Communications, kandel@ehs.unu.edu, +49 228 815 0219
    Jimin Hwang, UNU-EHS Communications Associate, hwang@ehs.unu.edu, +49 228 815 0285

    About the United Nations University, Institute for Environment and Human Security (UNU-EHS)
    Based in Bonn, Germany, UNU-EHS conducts research on risks and adaptation related to environmental hazards and global change. The institute’s research promotes policies and programmes to reduce these risks, while taking into account the interplay between environmental and societal factors. Research areas include climate change adaptation by incorporating insurance-related approaches, environmentally induced migration and social vulnerability, ecosystem-based solutions to adaptation and disaster risk reduction, and models and tools to analyse vulnerability and risks linked to natural hazards, with a focus on urban space and rural-urban interfaces. UNU-EHS also offers the joint Master of Science degree programme “Geography of Environmental Risks and Human Security” with the University of Bonn and hosts international PhD projects and courses on global issues of environmental risks and sustainable development.
    https://ehs.unu.edu/

    About the German Advisory Council on Global Change (WBGU)
    The WBGU: Advising on global change politics The German Federal Government set up the German Advisory Council on Global Change (WBGU) as an independent, scientific advisory body in 1992 in the run-up to the United Nations Conference on Environment and Development (Rio Earth Summit). The WBGU‘s task is to analyse global environmental and development problems and to develop recommendations for action and research in the quest for solutions to these problems. Sabine Schlacke and Dirk Messner are the two co-chairs of the WBGU.
    https://www.wbgu.de